Ich will das Meer in das Krüglein schöpfen!

 
 
Am südlichen Meeresstrande
ging grübelnd eins Sankt Augustin.
"O Wahrheit, Wahrheit!" rief er;
und von der Sehnsucht Brande
verzehrte sich des Grüblers Sinn.
*
Auf einmal ein schönes Knäblein
er vor sich sieht,
das schöpft` in ein irden Krüglein
mit einer Muschel, wie`s ihm geriet,
Wasser vom tiefblauen Meere.
*
"Wie sinnig du, Kind, zu spielen weißt!"
(Und leise:"Ich wollt`, ich wäre
befreit von dem quälenden Geist,
der mit Fragen uns armen Tröpfen
gar noch das Hirn zerreißt!")
*
"Sag, Kleiner, was machst du da?"
"Ich will das Meer in das Krüglein schöpfen!"
"Recht Großes ja hast du, mein Knirps,
dir vorgenommen –
ans Ziel wirst du schwerlich kommen!"
*
Der Knabe lächelt:"Mich dünkt,
noch eher schöpf ich, du Weiser,
das Meer in dies Krüglein ein,
als jemals Gott dir gelingt,
zu schließen in deines Geistes Schrein!"
*
Kaum dies der Knabe sprach,
war er des Heil`gen Blick entschwunden.
Er dachte der Erscheinung nach
und war bekehrt.
"Mehr hab`ich", sprach er,"durch
das Kind gefunden, als des Verstandes
Fürwitz je mich lehrt!"
Cecilia de Böhl (1796-1877)
Advertisements

Über bergkristall53

Ich werde 58 Jahre alt komme ursprünglich aus der Schweiz,lebe aber auf der Ostalb bin verheiratet, habe 6 Kinder,3 Enkel Ich schreibe,male und bastle viel
Dieser Beitrag wurde unter Gedanken - Poesie veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s